Statement zum Artikel "Hamburgs kranke Krankenhäuser?" aus der ZEIT 28. März 2019

Sehr geehrte Zeit-Redaktion,

sehr eindrucksvoll schildern Sie in Ihrem Beitrag „Hamburgs kranke Krankenhäuser“ wie Ärzte und Pflegekräfte ihren Arbeitsalltag im Krankenhaus erleben und auch richtigerweise die zugrunde liegenden Probleme im Finanzierungssystem der Krankenhäuser. Lassen Sie mich zu den Ursachen einige ergänzende Anmerkungen machen:

Vorausgestellt sei bemerkt, dass Krankenhäuser in Hamburg jedes Jahr über 520.000 stationäre Patienten gut und schnell versorgen - mindestens genauso so viele Patienten zusätzlich ambulant. Krankenhäuser wollen nicht, dass ihre Ärzte und Pflegekräfte bei ihrer an sich schon fordernden Arbeit über ihre Grenzen gehen müssen. Wir wollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ausreichender Anzahl, die auch Belastungsspitzen auffangen können ohne die weiße Fahne hissen zu müssen. Wir wollen, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne und möglichst lange bei uns arbeiten. Jedoch:

Seit Jahren ist es politischer Wille, uns unter massivem wirtschaftlichen Druck arbeiten zu lassen - um die Beitragssätze der Krankenkassen konstant zu halten und eine „Marktbereinigung“ unwirtschaftlicher Krankenhäuser zu bewirken. Der Gesundheitsfonds aus angesparten Versichertenbeiträgen ist währenddessen auf inzwischen € 21 Mrd. (!!!)  angewachsen. Die Länder kommen ihren gesetzlichen Investitionsverpflichtungen nur anteilig nach; in Hamburg fehlten bis 2018 jährlich 84 Mio., ab 2019 soll die Lücke auf 65 Mio. € sinken. Mit den Fallpauschalen wurde die Tarifentwicklung des Personals über 15 Jahre nur teilweise refinanziert, so dass die Erlöse nie ausreichten, um die Personalkosten zu decken. Dies hält uns in einem Hamsterrad der fortgesetzten Einsparungen gefangen. Personalkosten machen Zweidrittel der Kosten eines Krankenhauses aus; so musste dort gespart werden, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern, bei allen Krankenhausträgern gleichermaßen.

Nun versucht die Politik gegen zu regulieren. Für die Pflege steht die Zusage, dass Personalkosten zukünftig voll finanziert werden, so dass es keine Anreize mehr geben soll, Pflegepersonal einzusparen. Wir hoffen sehr, dass dieses Versprechen eingehalten wird. Unser Vergütungssystem hat einen Komplexitätsgrad erreicht, der Folgen von Veränderungen selbst für Fachleute schwierig abzuschätzen macht und Kollateralschäden erzeugen kann. Die Tarifschere bleibt bis auf weiteres offen für Ärzte, Hebammen, Therapeuten und andere Berufsgruppen im Krankenhaus. Desgleichen bleibt die Investitionslücke bislang ungelöst. Wir beklagen, dass die Kontrollbürokratie über alle Grenzen des Erträglichen wächst. Vorschriften, wie die Pflegepersonaluntergrenzen, zahlreiche Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses, Abrechnungsbestimmungen u.v.m. werden immer kleinteiliger und immer aufwändiger zu dokumentieren. Neben dem Personalmangel ist die Bürokratie ein wesentlicher Faktor, der die Arbeit im Krankenhaus unattraktiv macht. Dies wäre vielfach vermeidbar, doch wir erleben täglich die gegenteilige Entwicklung, da sowohl die Politik, als auch die Krankenkassen Krankenhäusern grundsätzlich mit Misstrauen begegnen. Diese Misstrauenskultur mit ihren Auswüchsen kleinteiliger Vorschriften und Kontrollen muss ein Ende haben – sie führt zum Bürokratieinfarkt.

Wir sind bereit, die Pflegepersonalausstattung eines Krankenhaus messbar und transparent zu machen; dies muss jedoch auf der Ebene des Krankenhauses geschehen, damit die Verantwortung für den konkreten Personaleinsatz wieder dorthin verlagert wird, wo sie hingehört – in die Krankenhäuser, in die Krankenhausleitungen, in die Abteilungs- und Teamleitungen - in Kenntnis der Versorgungsbedarfe der einzelnen aktuell zu versorgenden Patienten. Es kann nicht richtig sein, dass die Mindestbesetzung der Schichtpläne einzelner Stationen bundesweit zentral aus Berlin diktiert und kontrolliert wird. Wir sind bereit, Fachkräfte einzustellen, lieber gestern als morgen, wenn die Erlöse auch endlich die Personalkosten decken. Wir sind bereit, attraktive Arbeitsbedingungen und gute Aus- und Weiterbildung zu bieten. Wir wollen moderne Arbeitsplätze in modernen Krankenhäusern, in denen innovative Medizin gemacht und digital kommuniziert wird. Dafür müssen die notwendigen Investitionsmittel fließen.

Bei aller kritischen Berichterstattung darf bitte eines nie in Vergessenheit geraten: die Arbeit in Krankenhäusern, sei es als Arzt oder Ärztin, Pflegefachkraft, Hebamme, Therapeut/in oder anderer Gesundheitsberufe ist bei aller Belastung eine der schönsten und erfüllendsten Aufgaben, für die man sich entscheiden kann. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Krankenhäusern verdienen unser aller Wertschätzung und Anerkennung. Wir setzen uns seit Jahren für Rahmenbedingungen ein, unter denen die Arbeit in Krankenhäusern besser möglich wird, als es heute der Fall ist. Wir brauchen Unterstützung!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Claudia Brase